Das Endocannabinoid-System: Warum Cannabis im Körper wirkt

Jeder Mensch hat ein Endocannabinoid-System. Wir erklären, wie es funktioniert und warum Cannabis-Wirkstoffe so gezielt wirken können.

Warum wirkt Cannabis überhaupt im menschlichen Körper? Die Antwort liegt in einem faszinierenden biologischen System, das erst in den 1990er-Jahren entdeckt wurde: dem Endocannabinoid-System (ECS).

Was ist das Endocannabinoid-System?

Das ECS ist ein körpereigenes Signalsystem, das an der Regulation zahlreicher Prozesse beteiligt ist. Es wurde nach der Cannabis-Pflanze benannt — denn die Erforschung von Cannabis führte zu seiner Entdeckung.

Die drei Komponenten

  1. Endocannabinoide — körpereigene Botenstoffe (die wichtigsten: Anandamid und 2-AG)
  2. Cannabinoid-Rezeptoren — Empfängerstellen auf Zelloberflächen (CB1 und CB2)
  3. Enzyme — bauen Endocannabinoide nach getaner Arbeit wieder ab (FAAH und MAGL)

Die Cannabinoid-Rezeptoren

CB1-Rezeptoren

CB1-Rezeptoren finden sich vor allem im:

  • Gehirn — Grosshirnrinde, Hippocampus, Basalganglien, Kleinhirn
  • Rückenmark — Schmerzverarbeitung
  • Peripheren Nervensystem — Schmerzweiterleitung

Sie beeinflussen:

  • Schmerzwahrnehmung
  • Stimmung und Emotionen
  • Appetit
  • Gedächtnis
  • Motorik

CB2-Rezeptoren

CB2-Rezeptoren sind hauptsächlich vertreten im:

  • Immunsystem — Milz, Mandeln, Immunzellen
  • Knochen — Osteoblasten und Osteoklasten
  • Magen-Darm-Trakt — Entzündungsregulation

Sie beeinflussen:

  • Immunantwort
  • Entzündungsprozesse
  • Knochenstoffwechsel

Wie Cannabis mit dem ECS interagiert

THC

THC bindet direkt an CB1-Rezeptoren und ahmt die Wirkung von Anandamid nach — nur stärker und langanhaltender. Daher:

  • Schmerzlinderung — über CB1 im Nervensystem
  • Euphorie — über CB1 im Belohnungssystem
  • Appetitanregung — über CB1 im Hypothalamus
  • Muskelentspannung — über CB1 in motorischen Zentren

CBD

CBD bindet nicht an die gleiche Stelle wie THC (orthosterische Bindungsstelle), wirkt aber als negativer allosterischer Modulator an CB1. Darüber hinaus:

  • Hemmt den Abbau von Anandamid — erhöht den körpereigenen Cannabinoid-Spiegel
  • Moduliert CB1-Rezeptoren — schwächt die THC-Wirkung ab
  • Wirkt auf andere Rezeptoren — Serotonin (5-HT1A), Vanilloid (TRPV1), GPR55
  • Entzündungshemmend — über mehrere Signalwege

Das ECS und Krankheit

Forschende vermuten, dass ein Endocannabinoid-Mangel bei verschiedenen Erkrankungen eine Rolle spielen könnte:

  • Migräne — reduzierte Anandamid-Spiegel nachgewiesen
  • Fibromyalgie — Hinweise auf ECS-Dysregulation
  • Reizdarmsyndrom — veränderte Endocannabinoid-Signale im Darm
  • Depression — Zusammenhang mit CB1-Rezeptor-Funktion

Diese Theorie des Clinical Endocannabinoid Deficiency (CECD) wird aktiv erforscht und könnte erklären, warum Cannabis bei manchen Patienten hilfreich sein kann.

Warum reagiert jeder anders auf Cannabis?

Die individuelle Ausstattung des ECS erklärt, warum Menschen unterschiedlich auf Cannabis reagieren:

  • Rezeptordichte variiert genetisch — mehr CB1-Rezeptoren = stärkere Wirkung
  • Enzymaktivität beeinflusst, wie schnell Cannabinoide abgebaut werden
  • Endocannabinoid-Tonus — die Grundaktivität des Systems ist individuell
  • Geschlecht — Östrogen beeinflusst das ECS, Frauen können empfindlicher reagieren

Fazit

Das Endocannabinoid-System ist der Grund, warum Cannabis im Körper wirken kann — es nutzt ein System, das unser Körper bereits besitzt. Wie jedes Arzneimittel kann Cannabis auch Nebenwirkungen haben, darunter Schwindel, Müdigkeit und Mundtrockenheit. Ob eine Therapie mit Cannabinoiden in Ihrem Fall geeignet ist, wird im ärztlichen Gespräch individuell beurteilt.


Quellen

  1. Russo EB (2016): Clinical Endocannabinoid Deficiency Reconsidered: Current Research Supports the Theory. Cannabis and Cannabinoid Research, 1(1), 154–165. DOI: 10.1089/can.2016.0009
  2. Russo EB (2011): Taming THC: potential cannabis synergy and phytocannabinoid-terpenoid entourage effects. British Journal of Pharmacology, 163(7), 1344–64. DOI: 10.1111/j.1476-5381.2011.01238.x
  3. Palmer SL et al. (2002): Cannabinergic ligands. Chemistry and Physics of Lipids, 121(1–2), 3–19. DOI: 10.1016/S0009-3084(02)00143-3
  4. Whiting PF et al. (2015): Cannabinoids for Medical Use: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA, 313(24), 2456–73. DOI: 10.1001/jama.2015.6358
  5. Devinsky O et al. (2017): Trial of Cannabidiol for Drug-Resistant Seizures in the Dravet Syndrome. New England Journal of Medicine, 376(21), 2011–20. DOI: 10.1056/NEJMoa1611618

Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Cannabis-Arzneimittel sind in der Schweiz verschreibungspflichtig.