Cannabis gegen Übelkeit bei Chemotherapie: Was Patienten wissen sollten
Chemotherapie-induzierte Übelkeit ist eine der häufigsten Nebenwirkungen bei Krebsbehandlungen. Wie Cannabis helfen kann — die aktuelle Evidenz aus der Schweiz und international.

Übelkeit und Erbrechen gehören zu den am meisten gefürchteten Nebenwirkungen einer Chemotherapie. Trotz moderner Antiemetika leiden bis zu 40% der Patienten weiterhin darunter. Cannabinoide haben in dieser Indikation eine der längsten Forschungsgeschichten — und eine solide Evidenzbasis.
Warum Cannabis bei Chemotherapie-Übelkeit?
Chemotherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen (CINV) werden durch verschiedene Mechanismen ausgelöst:
- Direkte Reizung des Brechzentrums im Hirnstamm
- Freisetzung von Serotonin im Magen-Darm-Trakt
- Verzögerte Übelkeit — tritt 24–120 Stunden nach der Therapie auf
- Antizipatorische Übelkeit — allein durch die Erwartung der Therapie ausgelöst
Cannabinoide wirken über CB1-Rezeptoren im Brechzentrum und im Magen-Darm-Trakt — ein Mechanismus, der sich von herkömmlichen Antiemetika unterscheidet und deshalb ergänzend wirksam sein kann.
Was sagt die Forschung?
Systematische Reviews und Metaanalysen
Die Evidenz für Cannabis bei CINV ist im Vergleich zu anderen Cannabis-Indikationen besonders stark:
- Eine umfassende Cochrane-Analyse (Smith et al., 2015) mit 23 randomisierten kontrollierten Studien und über 1 300 Patienten zeigte: Cannabinoide sind signifikant wirksamer als Placebo und vergleichbar mit konventionellen Antiemetika wie Prochlorperazin
- Patienten berichteten in mehreren Studien eine Präferenz für Cannabinoide gegenüber herkömmlichen Mitteln
- Eine Metaanalyse (Chow et al., 2020) bestätigte, dass Cannabinoide bei durchbruchbedingter Übelkeit — also wenn Standardtherapien nicht ausreichen — besonders wirksam sind
- Neuere Reviews (2024) zeigen zunehmende Evidenz auch für pflanzliche Cannabis-Präparate (nicht nur synthetische Cannabinoide)
Welche Cannabinoide werden eingesetzt?
| Präparat | Wirkstoff | Evidenzgrad |
|---|---|---|
| Dronabinol (Marinol) | Synthetisches THC | Hoch — seit Jahrzehnten zugelassen |
| Nabilon (Cesamet) | Synthetisches THC-Analogon | Hoch — in mehreren Ländern zugelassen |
| Nabiximols (Sativex) | THC:CBD 1:1 | Moderat — primär für MS-Spastik zugelassen |
| Cannabis-Öle/-Blüten | Pflanzliches THC/CBD | Moderat — zunehmende Evidenz aus Beobachtungsstudien |
Besonders wirksam bei
- Durchbruch-Übelkeit — wenn 5-HT3-Antagonisten (z. B. Ondansetron) und NK1-Antagonisten allein nicht ausreichen
- Verzögerte Übelkeit — die schwieriger zu behandeln ist als akute Übelkeit
- Antizipatorischer Übelkeit — die auf klassische Antiemetika kaum anspricht
- Appetitlosigkeit — Cannabis kann gleichzeitig den Appetit fördern
Cannabis als Ergänzung — nicht als Ersatz
Wichtig ist die Einordnung: Cannabis ersetzt die moderne antiemetische Standardtherapie nicht, sondern ergänzt sie sinnvoll. Die aktuellen Leitlinien empfehlen Cannabis bei CINV als:
- Add-on-Therapie wenn Standardantiemetika nicht ausreichen
- Rescue-Therapie bei Durchbruch-Übelkeit
- Begleittherapie bei gleichzeitiger Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust
Zugang in der Schweiz
Seit August 2022 können Schweizer Ärzte Cannabis-Arzneimittel ohne BAG-Sonderbewilligung verschreiben:
- Dronabinol ist über internationale Apotheken oder als Magistralrezeptur verfügbar
- Cannabis-Öle und -Blüten werden über spezialisierte Cannabis-Apotheken abgegeben
- Die ärztliche Konsultation wird über die Grundversicherung abgerechnet (Franchise und Selbstbehalt gelten)
- Die Cannabis-Produkte selbst werden aktuell nicht von der Grundversicherung übernommen
- Die Meldepflicht ans BAG gilt
Der Ablauf für Krebspatienten
- Gespräch mit dem Onkologen — Cannabis als Ergänzung zur antiemetischen Therapie besprechen
- Konsultation — über cannabisrezept.ch oder direkt beim behandelnden Arzt
- Rezeptausstellung — bei gegebener Indikation direkt durch den Arzt
- Produktwahl — gemeinsam mit Arzt und Apotheke das geeignete Präparat und die Darreichungsform bestimmen
Nebenwirkungen beachten
Cannabis-Präparate können bei Krebspatienten besondere Aufmerksamkeit erfordern:
- Schwindel und Benommenheit — besonders bei geschwächten Patienten
- Wechselwirkungen — mit anderen Medikamenten der Chemotherapie (CYP450-Interaktionen möglich)
- Psychische Effekte — Angst oder Unruhe bei THC-lastigen Präparaten
- Mundtrockenheit — kann bei bereits bestehender Mukositis belastend sein
Eine enge ärztliche Begleitung ist hier besonders wichtig.
Fazit
Cannabinoide gehören zu den am besten erforschten komplementären Therapien bei Chemotherapie-induzierter Übelkeit. Die Evidenz ist solide, insbesondere wenn Standardantiemetika allein nicht ausreichen. In der Schweiz ist der Zugang seit 2022 unkompliziert — sprechen Sie mit Ihrem Onkologen oder buchen Sie eine Beratung über cannabisrezept.ch.
Quellen
- Smith LA et al. (2015): Cannabinoids for nausea and vomiting in adults with cancer receiving chemotherapy. Cochrane Database of Systematic Reviews, 11, CD009464. DOI: 10.1002/14651858.CD009464.pub2
- Chow R et al. (2020): Efficacy and safety of cannabinoids in the management of nausea and vomiting associated with cancer chemotherapy: a systematic review and meta-analysis. CMAJ Open, 8(3), E423–E434.
- Whiting PF et al. (2015): Cannabinoids for Medical Use: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA, 313(24), 2456–73. DOI: 10.1001/jama.2015.6358
- Bundesamt für Gesundheit BAG — Gesetzesänderung Cannabisarzneimittel (2022)
- Swissmedic — Cannabis Agency
- Doohan PT et al. (2021): Cannabinoid Interactions with Cytochrome P450 Drug Metabolism: a Full-Spectrum Characterization. The AAPS Journal, 23(4), 91. DOI: 10.1208/s12248-021-00616-7
Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Cannabis-Arzneimittel sind in der Schweiz verschreibungspflichtig.