Cannabis bei chronischen Schmerzen: Was sagt die Forschung?

Eine Übersicht der aktuellen Studienlage zu medizinischem Cannabis bei chronischen Schmerzen — neuropathisch, entzündlich und tumorbedingt.

Chronische Schmerzen sind die häufigste Indikation für medizinisches Cannabis. Aber was sagt die Forschung wirklich? Wir fassen den aktuellen Wissensstand zusammen — differenziert und ohne Übertreibung.

Das Endocannabinoid-System und Schmerz

Unser Körper verfügt über ein eigenes Endocannabinoid-System (ECS), das an der Schmerzverarbeitung beteiligt ist. Die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 finden sich im:

  • Zentralen Nervensystem (CB1) — moduliert die Schmerzwahrnehmung
  • Immunsystem (CB2) — reguliert Entzündungsprozesse
  • Peripheren Nervensystem — beeinflusst die Schmerzweiterleitung

Cannabis-Wirkstoffe interagieren mit diesem System und können so die Schmerzverarbeitung auf mehreren Ebenen beeinflussen.

Studienlage nach Schmerztyp

Neuropathische Schmerzen

Die beste Evidenz liegt für neuropathische Schmerzen vor — Schmerzen, die durch Nervenschädigung entstehen:

  • Mehrere randomisierte kontrollierte Studien zeigen signifikante Schmerzreduktion
  • Eine Metaanalyse (Whiting et al., 2015) bestätigt moderate Evidenz für chronische Schmerzen insgesamt; die Cochrane-Analyse (Mücke et al., 2018) zeigt moderate Evidenz für eine 30%ige Schmerzreduktion bei neuropathischen Schmerzen
  • Hinweise auf Wirksamkeit bei diabetischer Neuropathie, Post-Zoster-Neuralgie und HIV-assoziierter Neuropathie — die stärkste Evidenz liegt für HIV-assoziierte Neuropathie vor
  • Die NNT (Number Needed to Treat) liegt laut Cochrane-Analyse bei 11 für eine 30%ige Schmerzreduktion (95% KI 7–33)

Tumorbedingte Schmerzen

Bei krebsbedingten Schmerzen wird Cannabis meist ergänzend eingesetzt:

  • Studien zeigen Verbesserung bei Durchbruchschmerzen trotz Opioid-Therapie
  • Nabiximols (THC:CBD 1:1 Spray) zeigte in sekundären Analysen Hinweise auf Wirksamkeit, wobei der primäre Studienendpunkt nicht erreicht wurde (Portenoy et al., 2012)
  • Beobachtungsstudien deuten darauf hin, dass Cannabis möglicherweise die Opioid-Dosis reduzieren könnte — die Evidenz ist jedoch noch unsicher (Noori et al., 2021)

Entzündliche Schmerzen

Bei Schmerzen durch Entzündungsprozesse (z. B. Arthritis, Morbus Crohn):

  • Präklinische Daten sind vielversprechend
  • Klinische Studien zeigen gemischte Ergebnisse
  • CBD zeigt entzündungshemmende Eigenschaften in Tiermodellen
  • Weitere Forschung ist nötig für definitive Aussagen

Fibromyalgie

  • Mehrere Beobachtungsstudien zeigen subjektive Verbesserung
  • Patienten berichten über besseren Schlaf und reduzierte Schmerzintensität
  • Kontrollierte Studien sind noch limitiert, aber erste Ergebnisse ermutigend

Vergleich mit konventionellen Schmerzmitteln

KriteriumCannabisOpioideNSAR
SuchtpotenzialGering–moderatHochKeines
OrgantoxizitätMinimalModeratMagen, Niere
Todesfälle durch ÜberdosisKeine bekanntHäufigSelten
LangzeitverträglichkeitUnzureichend erforschtProblematischEingeschränkt
Wirksamkeit neuropathischModeratGering–moderatGering

Limitationen der Forschung

Ehrlichkeit ist wichtig:

  • Viele Studien haben kleine Fallzahlen
  • Die Heterogenität der Produkte erschwert Vergleiche
  • Langzeitstudien fehlen weitgehend
  • Der Placebo-Effekt ist bei Cannabis schwer zu kontrollieren
  • Politische Hürden haben die Forschung jahrzehntelang gebremst

Was bedeutet das für Patienten?

Medizinisches Cannabis ist kein Wundermittel, aber eine sinnvolle Ergänzung im Schmerztherapie-Arsenal. Besonders wenn:

  • Konventionelle Therapien nicht ausreichend wirken
  • Nebenwirkungen anderer Medikamente nicht tolerabel sind
  • Eine Reduktion der Opioid-Dosis angestrebt wird
  • Begleitbeschwerden wie Schlafstörungen gleichzeitig behandelt werden sollen

Fazit

Die Evidenzlage für Cannabis bei chronischen Schmerzen ist ermutigend, besonders für neuropathische Schmerzen. Ob eine Cannabis-Therapie in Ihrem Fall geeignet ist, sollte individuell mit Ihrem Arzt besprochen werden.


Quellen

  1. Whiting PF et al. (2015): Cannabinoids for Medical Use: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA, 313(24), 2456–73. DOI: 10.1001/jama.2015.6358
  2. Mücke M et al. (2018): Cannabis-based medicines for chronic neuropathic pain in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews, 3, CD012182. DOI: 10.1002/14651858.CD012182.pub2
  3. Portenoy RK et al. (2012): Nabiximols for opioid-treated cancer patients with poorly-controlled chronic pain: a randomized, placebo-controlled, graded-dose trial. The Journal of Pain, 13(5), 438–49. DOI: 10.1016/j.jpain.2012.01.003
  4. Noori A et al. (2021): Opioid-sparing effects of medical cannabis or cannabinoids for chronic pain: a systematic review and meta-analysis. BMJ Open, 11(7), e047717. DOI: 10.1136/bmjopen-2020-047717
  5. Russo EB (2016): Clinical Endocannabinoid Deficiency Reconsidered. Cannabis and Cannabinoid Research, 1(1), 154–165. DOI: 10.1089/can.2016.0009

Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Cannabis-Arzneimittel sind in der Schweiz verschreibungspflichtig.