Cannabis bei Multipler Sklerose: Spastik gezielt behandeln

Nabiximols und andere Cannabis-Präparate bei MS-Spastik — was die Forschung zeigt und wie der Zugang in der Schweiz funktioniert.

Multiple Sklerose (MS) betrifft in der Schweiz rund 15 000 Menschen. Spastik — also eine schmerzhafte Muskelsteifheit — gehört zu den häufigsten und belastendsten Symptomen. Wenn konventionelle Therapien nicht ausreichen, kann medizinisches Cannabis eine evidenzbasierte Ergänzung sein.

Spastik bei MS: Warum ist sie so belastend?

Spastik entsteht durch Schädigung der Nervenbahnen im zentralen Nervensystem. Sie äussert sich durch:

  • Erhöhte Muskelanspannung — Steifheit in Armen und Beinen
  • Schmerzhafte Spasmen — unwillkürliche Muskelkontraktionen
  • Eingeschränkte Beweglichkeit — Schwierigkeiten beim Gehen und bei Alltagsaktivitäten
  • Schlafstörungen — nächtliche Spasmen unterbrechen den Schlaf

Konventionelle Therapien wie Baclofen, Tizanidin oder Physiotherapie wirken bei vielen Patienten, doch etwa ein Drittel erzielt damit keine ausreichende Linderung.

Was zeigt die Forschung?

Nabiximols (Sativex)

Nabiximols ist ein oromukosales Spray mit einem THC:CBD-Verhältnis von ungefähr 1:1. Es ist das am besten untersuchte Cannabis-Präparat bei MS-Spastik:

  • Eine Metaanalyse von 2024 (Ghajarzadeh et al.) mit 31 Studien zeigte eine signifikante Reduktion der Spastik auf der numerischen Rating-Skala (NRS): gepoolte standardisierte Mittelwertdifferenz von −1.41 (95% KI: −1.65 bis −1.17)
  • Auch die Ashworth-Skala (objektive Spastikmessung) verbesserte sich signifikant: SMD −0.39 (95% KI: −0.72 bis −0.06)
  • Die MUSEC-Studie (Zajicek et al., 2012) mit 279 Patienten bestätigte die Wirksamkeit: fast doppelt so viele Patienten unter Cannabis-Extrakt erreichten eine relevante Symptomlinderung im Vergleich zu Placebo
  • Nabiximols wird von der Schweizerischen MS-Gesellschaft als Therapieoption bei therapieresistenter Spastik anerkannt

Weitere Studiendaten

  • Eine Cochrane-Analyse (2019) stuft die Evidenz für Cannabis bei MS-Spastik als moderat ein
  • Beobachtungsstudien aus Italien und Deutschland mit über 1 000 Patienten zeigen, dass ca. 70–80% der Responder eine klinisch relevante Verbesserung (≥ 20% NRS-Reduktion) nach 4 Wochen erleben
  • Langzeitdaten über 12 Monate deuten auf eine anhaltende Wirksamkeit ohne relevante Toleranzentwicklung hin

Zugang in der Schweiz

Seit der Revision des Betäubungsmittelgesetzes am 1. August 2022 können Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz Cannabis-Arzneimittel direkt verschreiben — ohne BAG-Sonderbewilligung:

  • Nabiximols (Sativex) ist in der Schweiz als Arzneimittel zugelassen und bei Swissmedic registriert
  • Es wird eingesetzt als Zusatztherapie bei mittelschwerer bis schwerer Spastik, wenn andere Antispastika nicht ausreichen
  • Die Meldepflicht beim BAG gilt auch hier — keine Bewilligungspflicht
  • Kostenübernahme: Nabiximols kann unter bestimmten Voraussetzungen über die Grundversicherung abgerechnet werden (Kostengutsprache durch die Krankenkasse nötig)

Andere Cannabis-Präparate

Neben Nabiximols verschreiben Ärzte auch:

  • Cannabis-Öle mit unterschiedlichem THC:CBD-Verhältnis
  • Magistralrezepturen (individuell hergestellt durch die Apotheke)
  • Cannabis-Blüten zur Vaporisation — bei Patienten, die eine schnelle Wirkung bevorzugen

Für wen ist Cannabis bei MS geeignet?

Cannabis kommt als Zusatztherapie in Frage, wenn:

  • Konventionelle Antispastika (Baclofen, Tizanidin, Dantrolen) nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden
  • Die Lebensqualität durch Spastik deutlich eingeschränkt ist
  • Begleitbeschwerden wie Schmerzen oder Schlafstörungen gleichzeitig behandelt werden sollen

Vorsicht bei

  • Schweren psychiatrischen Erkrankungen — insbesondere Psychosen in der Vorgeschichte
  • Kognitiven Einschränkungen — THC kann die Konzentration beeinträchtigen
  • Schwangerschaft und Stillzeit

Praktische Hinweise

  • Dosierung: Start low, go slow — bei Nabiximols typischerweise 1 Sprühstoss abends, langsam steigern bis max. 12 Sprühstösse pro Tag
  • Wirkungseintritt: Bei oromukosalem Spray innerhalb von 15–45 Minuten
  • Tagebuch führen: Spastik-Intensität und Nebenwirkungen dokumentieren
  • Regelmässige Kontrollen: Alle 3–6 Monate beim behandelnden Neurologen

Fazit

Medizinisches Cannabis — insbesondere Nabiximols — ist eine gut untersuchte und in der Schweiz zugelassene Behandlungsoption für MS-Spastik. Die Evidenz zeigt eine signifikante Verbesserung bei Patienten, die auf konventionelle Therapien nicht ausreichend ansprechen. Ob eine Cannabis-Therapie in Ihrem Fall sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrem Neurologen oder über eine Konsultation bei cannabisrezept.ch.


Quellen

  1. Ghajarzadeh M et al. (2024): Cannabinoids for spasticity in patients with multiple sclerosis: A systematic review and meta-analysis. Multiple Sclerosis and Related Disorders, 92, 106153. DOI: 10.1177/20552173241282379
  2. Zajicek JP et al. (2012): Multiple sclerosis and extract of cannabis: results of the MUSEC trial. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry, 83(11), 1125–32. DOI: 10.1136/jnnp-2012-302468
  3. Novotna A et al. (2011): A randomized, double-blind, placebo-controlled, parallel-group, enriched-design study of nabiximols (Sativex) as add-on therapy in subjects with refractory spasticity caused by multiple sclerosis. European Journal of Neurology, 18(9), 1122–31. DOI: 10.1111/j.1468-1331.2010.03328.x
  4. Swissmedic — Arzneimittelinformation Sativex
  5. Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft — Behandlung von MS-Symptomen
  6. Bundesamt für Gesundheit BAG — Gesetzesänderung Cannabisarzneimittel (2022)

Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Cannabis-Arzneimittel sind in der Schweiz verschreibungspflichtig.