Cannabis bei Migräne: Kann es Kopfschmerzen lindern?

Immer mehr Migräne-Patienten interessieren sich für Cannabis. Was sagt die Forschung — und wann ist ein Versuch sinnvoll?

Migräne betrifft rund eine Million Menschen in der Schweiz. Wer regelmässig unter schweren Attacken leidet, sucht oft nach Alternativen — und stösst dabei zunehmend auf medizinisches Cannabis.

Migräne: Mehr als nur Kopfschmerzen

Migräne ist eine neurologische Erkrankung mit komplexen Mechanismen:

  • Pulsierende, oft einseitige Kopfschmerzen über Stunden bis Tage
  • Begleitsymptome wie Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit
  • Aura bei rund 30 % der Betroffenen — visuelle Störungen, Taubheitsgefühle
  • Chronische Migräne: 15 oder mehr Kopfschmerztage pro Monat

Viele Patienten sprechen auf konventionelle Therapien (Triptane, Betablocker, CGRP-Antikörper) nicht ausreichend an oder vertragen sie schlecht.

Was sagt die Forschung?

Die Studienlage zu Cannabis bei Migräne wächst, ist aber noch begrenzt:

Positive Hinweise

  • Eine retrospektive Studie aus Colorado (Rhyne et al., 2016) zeigte bei 121 Patienten eine Reduktion der monatlichen Migräneattacken von 10.4 auf 4.6 unter Cannabis-Therapie
  • Inhalative Cannabis-Präparate zeigten in einer Beobachtungsstudie (Cuttler et al., 2020) eine akute Schmerzreduktion um rund 50 % — gemessen per App-Tracking. Die Studie zeigte allerdings auch Hinweise auf eine Toleranzentwicklung — die Wirksamkeit nahm bei wiederholter Anwendung ab und die Dosierungen stiegen.

Einschränkungen

  • Die meisten Studien sind retrospektiv oder beobachtend — keine grossen randomisierten kontrollierten Studien
  • Placebo-Effekte lassen sich bei offenen Beobachtungsstudien nicht ausschliessen
  • Langzeitwirksamkeit bei chronischer Migräne ist noch wenig untersucht
  • Ein mögliches Risiko: Medikamenten-Übergebrauch-Kopfschmerz bei zu häufiger Anwendung

Endocannabinoid-System und Migräne

Warum Cannabis bei Migräne überhaupt wirken könnte, hat mit dem Endocannabinoid-System (ECS) zu tun:

  • Migräne-Patienten zeigen in einigen Studien erniedrigte Anandamid-Spiegel (ein körpereigenes Endocannabinoid)
  • Das ECS moduliert Schmerzverarbeitung, Entzündung und Serotonin-Freisetzung — alles Schlüsselmechanismen bei Migräne
  • Die Clinical Endocannabinoid Deficiency (CED)-Hypothese (Russo, 2016) postuliert, dass ein Mangel an Endocannabinoiden Migräne mitverursachen könnte

THC vs. CBD bei Migräne

WirkstoffPotenzielle VorteileNachteile
THCStarke Schmerzlinderung, antiemetischPsychoaktiv, kann Schwindel auslösen
CBDEntzündungshemmend, nicht berauschendAkute Schmerzlinderung weniger belegt
KombinationSynergistisch, breiteres WirkspektrumIndividuelle Dosierung nötig

Für wen kommt Cannabis bei Migräne in Frage?

Cannabis sollte bei Migräne nicht die erste Wahl sein, kann aber sinnvoll sein bei:

  • Therapieresistenz — mindestens zwei konventionelle Prophylaxen ohne ausreichende Wirkung
  • Unverträglichkeit konventioneller Medikamente
  • Begleitsymptome wie Übelkeit und Schlafstörungen, die Cannabis gleichzeitig adressiert
  • Chronische Migräne mit hohem Leidensdruck

Praktische Hinweise

  1. Start low, go slow — besonders bei Migräne ist eine langsame Dosissteigerung wichtig
  2. Inhalation wirkt schneller bei akuten Attacken, orale Einnahme eignet sich besser zur Prophylaxe
  3. Führen Sie ein Kopfschmerztagebuch — so lässt sich die Wirksamkeit objektiv beurteilen
  4. Besprechen Sie Cannabis als Option mit Ihrem Neurologen — idealerweise im Rahmen eines Gesamttherapieplans

Fazit

Die Hinweise, dass Cannabis bei Migräne helfen kann, sind vielversprechend — aber noch nicht abschliessend bewiesen. Für Patienten, die auf konventionelle Therapien nicht ansprechen, kann es eine sinnvolle Ergänzung sein.


Quellen

  1. Rhyne DN et al. (2016): Effects of Medical Marijuana on Migraine Headache Frequency in an Adult Population. Pharmacotherapy, 36(5), 505–510. DOI: 10.1002/phar.1673
  2. Cuttler C et al. (2020): Short- and Long-Term Effects of Cannabis on Headache and Migraine. Journal of Pain, 21(5–6), 722–730. DOI: 10.1016/j.jpain.2019.11.001
  3. Russo EB (2016): Clinical Endocannabinoid Deficiency Reconsidered. Cannabis and Cannabinoid Research, 1(1), 154–165. DOI: 10.1089/can.2016.0009

Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Cannabis-Arzneimittel sind in der Schweiz verschreibungspflichtig.