Cannabis bei Epilepsie: Wenn herkömmliche Medikamente nicht reichen
CBD-basierte Therapien haben die Epilepsie-Behandlung verändert. Was Patienten und Angehörige wissen sollten.

Epilepsie gehört zu den Erkrankungen, bei denen Cannabis-basierte Medikamente die stärkste wissenschaftliche Evidenz haben. Insbesondere CBD hat die Behandlung schwerer Epilepsie-Formen revolutioniert.
Epilepsie in der Schweiz
- Rund 80’000 Menschen in der Schweiz leben mit Epilepsie
- Bei etwa 30 % wirken konventionelle Antiepileptika nicht ausreichend — sogenannte therapieresistente Epilepsie
- Besonders bei Kindern mit schweren Syndromen ist der Leidensdruck enorm
Epidyolex: Der Durchbruch
Epidyolex (Cannabidiol) ist das erste Cannabis-basierte Medikament, das in kontrollierten Studien seine Wirksamkeit bei Epilepsie bewiesen hat:
Zugelassene Indikationen
- Dravet-Syndrom — schwere frühkindliche Epilepsie mit häufigen, therapieresistenten Anfällen
- Lennox-Gastaut-Syndrom — eine der häufigsten schweren Epilepsie-Formen bei Kindern
- Tuberöse Sklerose — genetische Erkrankung mit Epilepsie als Hauptsymptom
Studienergebnisse
Die Zulassungsstudien waren beeindruckend:
- Dravet-Syndrom: Reduktion der Anfallshäufigkeit um 39 % unter CBD vs. 13 % unter Placebo (Devinsky et al., 2017)
- Lennox-Gastaut-Syndrom: Reduktion der Drop-Anfälle um 42 % unter CBD (20 mg/kg) vs. 17 % unter Placebo (Devinsky et al., 2018)
- Bei einigen Patienten wurden die Anfälle vollständig kontrolliert
Wie wirkt CBD bei Epilepsie?
Der genaue Mechanismus ist noch nicht vollständig geklärt, aber mehrere Wirkmechanismen sind bekannt:
- Modulation von GPR55-Rezeptoren — reduziert die neuronale Erregbarkeit
- Hemmung der Adenosin-Wiederaufnahme — Adenosin wirkt natürlicherweise antikonvulsiv
- Modulation von Calciumkanälen — stabilisiert die neuronale Aktivität
- Entzündungshemmung — Neuroinflammation spielt bei vielen Epilepsie-Formen eine Rolle
CBD vs. THC bei Epilepsie
| Aspekt | CBD | THC |
|---|---|---|
| Antikonvulsive Wirkung | Gut belegt | Widersprüchlich — kann Anfälle auch auslösen |
| Psychoaktivität | Keine | Ja |
| Einsatz bei Kindern | Ja (ab 2 Jahren zugelassen) | Nicht empfohlen |
| Evidenzlevel | Randomisierte kontrollierte Studien | Fallberichte, Beobachtungsstudien |
Wichtig: Bei Epilepsie sollte CBD ohne relevanten THC-Gehalt verwendet werden. THC kann bei manchen Epilepsie-Formen die Anfallsschwelle senken.
Praktische Aspekte
Dosierung
- Epidyolex wird typischerweise mit 2.5 mg/kg zweimal täglich begonnen
- Steigerung auf 5 mg/kg zweimal täglich nach einer Woche
- Maximaldosis: 10 mg/kg zweimal täglich
- Bei Tuberöser Sklerose kann die Erhaltungsdosis höher liegen: bis zu 12.5 mg/kg zweimal täglich
Wechselwirkungen
CBD wird über Cytochrom-P450-Enzyme abgebaut und kann andere Medikamente beeinflussen:
- Clobazam — CBD erhöht den Spiegel des aktiven Metaboliten (Müdigkeit als Folge)
- Valproinsäure — Kombination kann die Leberwerte erhöhen — regelmässige Kontrollen nötig
- Andere Antiepileptika — individuelle Dosisanpassungen können nötig sein
Nebenwirkungen
- Müdigkeit (häufigste Nebenwirkung)
- Durchfall
- Appetitveränderungen
- Erhöhte Leberwerte — regelmässige Laborkontrollen empfohlen
Zugang in der Schweiz
- Epidyolex ist in der Schweiz verschreibungsfähig
- Die Verschreibung erfolgt in der Regel durch Neurologen oder Neuropädiater
- Magistralrezepturen mit CBD sind ebenfalls möglich
- Eine Kostenübernahme durch die Grundversicherung erfordert in der Regel eine Kostengutsprache und wird im Einzelfall entschieden
Für Angehörige
- Eine Cannabis-basierte Therapie bei Ihrem Kind ist kein Experiment — sie basiert auf solider Evidenz
- Führen Sie ein Anfallstagebuch — es hilft dem Arzt, die Wirksamkeit zu beurteilen
- Geduld ist wichtig — die optimale Dosis zu finden kann Wochen dauern
- Setzen Sie bestehende Medikamente nie eigenständig ab — immer in Absprache mit dem Neurologen
Fazit
CBD hat die Epilepsie-Therapie grundlegend verändert — insbesondere für Patienten mit schweren, therapieresistenten Formen. Wenn konventionelle Medikamente nicht ausreichen, ist CBD eine wissenschaftlich fundierte Option.
Quellen
- Devinsky O et al. (2017): Trial of Cannabidiol for Drug-Resistant Seizures in the Dravet Syndrome. New England Journal of Medicine, 376, 2011–2020. DOI: 10.1056/NEJMoa1611618
- Devinsky O et al. (2018): Effect of Cannabidiol on Drop Seizures in the Lennox-Gastaut Syndrome. New England Journal of Medicine, 378, 1888–1897. DOI: 10.1056/NEJMoa1714631
- Lattanzi S et al. (2018): Efficacy and Safety of Cannabidiol in Epilepsy: A Systematic Review and Meta-Analysis. Drugs, 78(17), 1791–1804.
Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Cannabis-Arzneimittel sind in der Schweiz verschreibungspflichtig.